Beim ersten Dialogabend des Jahres sprach Evangelist Dr. Reinhard Kiefer über 20 Jahre theologischen Wandel in der Neuapostolischen Kirche – offen, persönlich und im direkten Gespräch mit dem Plenum.
Meet and Greet: Gespräche vor dem Gespräch
Bereits ab 18 Uhr bestand die Möglichkeit zum persönlichen Austausch mit dem Referenten – bei Kaffee, Tee und Gebäck, ohne Programm und ohne Tagesordnung. Evangelist Dr. Reinhard Kiefer, theologischer Berater der Neuapostolischen Kirche International, nahm sich Zeit für Fragen, die man in größerer Runde vielleicht nicht stellen würde. Mehrere Dutzend Teilnehmende nutzten das Angebot; die Resonanz war groß – und der Raum bis zum offiziellen Beginn durchgehend belebt.
Die Eingangsfrage
Um 19.30 Uhr begrüßte Bezirksleiter Priester Oliver Rütten die rund 50 Anwesenden in der Kirche Minden – weitere 100 Interessierte waren über IPTV zugeschaltet. Nach einem einleitenden Gebet stellte Priester Rütten sogleich die Frage, die den gesamten Abend prägen sollte: „Was ist für euch persönlich das Unveränderliche in eurem Glauben – das, von dem ihr sagt: Das darf sich nicht ändern, das trägt mich?“
Aus dem Plenum kamen klare Antworten: das Apostelamt, der Glaube an die Wiederkunft Christi, das Heilige Abendmahl. Aussagen, die am Ende des Abends ihre volle Bedeutung entfalten sollten.
Taufe und Heilsverständnis: Was 2006 Erleichterung brachte
Den Auftakt der inhaltlichen Gesprächsrunde bildete das Taufverständnis – und damit eine Entwicklung, die für viele Gemeindemitglieder tiefgreifend war. Priester Rütten sprach es offen an: „Viele von uns sind mit dem Gedanken aufgewachsen: Das Heil ist an unsere Kirche gebunden. Dann kam 2006 der Uster-Abend – und dieser Gedanke hat sich verändert. Wie war das für euch? War das eine Erleichterung – oder hat es etwas ins Wanken gebracht?“
Evangelist Kiefer zeichnete die theologische Entwicklung nach: vom frühen Selbstverständnis der Kirche über die ökumenischen Gespräche der frühen 2000er Jahre – die damals noch von ungeklärten Positionen geprägt waren – bis zur Veröffentlichung des Katechismus 2012, der erstmals schwarz auf weiß festhielt, was die Neuapostolische Kirche glaubt. Seitdem, so der Theologe, hätten sich die ökumenischen Beziehungen deutlich vertieft. Im Plenum spiegelte sich das wider: Es falle heute leichter, mit Freunden anderer Konfessionen über den Glauben zu sprechen – weil die eigene Position klarer sei und weil – wie es aus dem Plenum hieß – Gott als Souverän über allem stehe.
Heiliges Abendmahl: Herzstück mit neuer Gestalt
Ein weiterer Gesprächsschwerpunkt galt dem Heiligen Abendmahl und der Liturgiereform von 2010. Ob das Abendmahl heute anders erlebt werde als früher – „tiefer, oder manchmal auch … anders, als ihr es gewohnt wart?“ Die Antworten fielen unterschiedlich aus und zeigten, dass liturgische Veränderungen nicht nur theologische, sondern auch sehr persönliche Dimensionen haben.
Evangelist Kiefer unterstrich dabei die ekklesiologische Grundlinie: Die Neuapostolische Kirche verstehe sich als Kirche des Amtes und der Sakramente. Diese gälten als heilsnotwendig; die Predigt erfülle eine ergänzende, unterstützende Funktion. Das Heilige Abendmahl bilde den liturgischen Mittelpunkt des Gottesdienstes.
Amt und Leitung: Eine notwendige Unterscheidung
2019 wurde in der Neuapostolischen Kirche ein neues Amtsverständnis eingeführt – mit einer klaren Trennung zwischen geistlicher Vollmacht und administrativer Leitungsaufgabe. Drei Amtsstufen bilden seitdem die Grundstruktur: das diakonische, das priesterliche und das Apostelamt, ergänzt durch das Stammapostelamt.
Priester Rütten fragte den Theologen nach dem Gewinn dieser Unterscheidung – und was sie von denen verlange, die ein Amt tragen. Evangelist Kiefer gab Einblick in die frühen internen Diskussionen, die bereits vor Stammapostel Jean-Luc Schneiders Amtszeit geführt wurden: Die Vorstellung von Hierarchien und Rangordnungen habe nicht zum Verständnis von Dienst und Amt gepasst. Der Stammapostel sei dieser Spannung früh und entschlossen begegnet.
Aus dem Plenum wurde angemerkt, dass der Begriff „Führen“ in diesem Zusammenhang missverständlich wirken könne. Priester Rütten schlug „Leiten“ als treffendere Bezeichnung vor – weniger hierarchisch konnotiert als „Führen“, näher am Verständnis von Dienst.
Frauenordination: Ein bewusst gewählter Weg
2023 öffnete die Neuapostolische Kirche alle drei Amtsstufen für Frauen. Priester Rütten bat zunächst das Plenum um die erste Reaktion auf diese Entscheidung – bevor er Evangelist Kiefer nach dem theologischen Weg fragte, der dazu geführt hatte: „War das zwingend notwendig oder ein bewusst gewählter Weg?“
Evangelist Kiefer betonte, dass die Entscheidung theologisch gereift sei – und verwies auf Erfahrungen aus Afrika, wo Frauen bereits verantwortliche Aufgaben übernehmen, unter anderem in der Finanzverwaltung. Das trage zur Entlastung der Bezirksapostel bei und zeige, dass die Trennung zwischen geistlichem Amt und administrativer Leitung in der Praxis längst gelebt werde.
Was bleibt
Am Ende des Abends nahm Priester Rütten den Faden des Beginns wieder auf. Was zu Anfang als unveränderlich benannt worden war – das Apostelamt, das Heilige Abendmahl, die Wiederkunft Christi –, das stehe nach wie vor fest. „Wir haben heute Abend viel über Entwicklungen gesprochen. Und das zeigt, dass wir nicht mehr dieselbe Kirche wie vor 20 Jahren sind. Aber unverändert ist unser Glaube an Gott, die Taufe, das Abendmahl und die Wiederkunft Christi.“
Und mit einem letzten Gedanken schloss er den Dialog: „Was hinter uns liegt, hat uns geformt. Was vor uns liegt, braucht uns – mit allem, was wir glauben, was wir erlebt haben, und was wir noch nicht wissen.“
Das abschließende Gebet sprach Apostel Carsten Denker. Im Anschluss blieben viele noch zusammen – für Gespräche, die der Abend angestoßen hatte.
Der Dialogabend „Wandel wagen, Glauben behalten“ ist Teil einer laufenden Veranstaltungsreihe des Kirchenbezirks Minden. Bereits 2025 fanden Abende zu unterschiedlichen Themen statt; für 2026 sind weitere geplant.
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