15 Jahre lang war Michael Bartke Vorsteher der Gemeinde Porta Westfalica. Ende März wurde er von dieser Aufgabe entbunden. Der 61-Jährige dient weiterhin als Priester – unter neuer Gemeindeleitung.
Im Gespräch mit der Redaktion zieht der scheidende Gemeindeleiter Bilanz und gibt Einblick in Herausforderungen, Highlights und ganz besondere Momente.
Redaktion: Michael Bartke, du warst jetzt fast 15 Jahre Vorsteher der Gemeinde Porta Westfalica. Wenn du die Gemeinde in nur wenigen Sätzen vorstellen solltest, welches wären die Merkmale, die diese Gemeinde kennzeichnen?
Michael Bartke: Das ist eine der Fragen, die man nicht so ganz kurz beantworten kann, weil die Gemeinde Porta Westfalica so vielfältig ist. Ich habe mir darüber Gedanken gemacht und meine, sagen zu können, dass das Herausragende an dieser Gemeinde die gelebte Toleranz ist. Sie ist unkompliziert, und wenn es einem Gemeindemitglied einmal schlecht geht, so habe ich es in den 15 Jahren erlebt, rückt sie zusammen – man wird von ihr getragen. Das habe ich einige Male sehr intensiv erlebt, zum Beispiel bei Krankheit oder bei Veränderungen im Leben.
Und – das ist jetzt nur eine Äußerlichkeit – wenn es um Gemeindeaktivitäten, wie z. B. Weihnachtsfeiern oder die Ausrichtung eines Brunchs geht, ist die Gemeinde unfassbar großzügig. Es war immer so viel da, dass wir noch eine weitere Gemeinde hätten einladen können. Das finde ich sehr erstaunlich.
Ein letzter Gedanke noch: Die Gemeinde besteht aus vielen Einzelfamilien, keine Großfamilie, und dadurch gibt es auch selten komplizierte Grüppchenbildung.
Du hattest der Beauftragung als Gemeindevorsteher von Porta seinerzeit für einen begrenzten Zeitraum von fünf Jahren zugestimmt. Daraus sind fast 15 Jahre geworden. Wie kam es dazu?
Das war so eine erste vorsichtige Einschätzung, würde ich sagen. Keiner weiß, was auf einen zukommt. Und dann mal gucken, was die Gemeinde auch dazu sagt. Vielleicht wären wir gar nicht zueinander gekommen oder ich wäre zu kompliziert gewesen. Aber dann habe ich meine Erfahrungen gemacht. Ich konnte mich gut einarbeiten. Man hat mich aufgenommen, unterstützt, ich habe um Vertrauen geworben und habe es auch bekommen. Ich bin aber auch mit dem Vertrauen sorgsam umgegangen. Das war mir sehr wichtig, da lege ich großen Wert drauf. Ich habe in den 15 Jahren so viel Positives erlebt - nicht nur, aber das überwog. Das möchte ich nicht mehr missen.
Dann kam die Zeit der Pandemie. Das wäre eigentlich so die Zeit gewesen, wo ich gedacht habe, jetzt ist es gut. Jetzt hast du viele Jahre geschafft. Dann aber in der Pandemie „abzuspringen“ hätte ich als unfair empfunden. Es gab Veränderungen im Amtsträgerkreis, es gab Krankheiten, es wurde schwierig für eine Zeit lang. Da kann man nicht von Bord gehen. Das würde sich nicht gehören.
Aber jetzt – die letzten Jahre – hat sich alles stabilisiert, und ich habe gedacht: Das ist jetzt meine Zeit. Also der richtige Zeitpunkt.
Wenn du mit dem Wissen von heute diese Entscheidung noch einmal treffen müsstest, wie fiele sie aus, und warum?
Die Frage finde ich super! (Lacht) Da kann ich eine ganz klare Antwort geben: Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, ich bin jetzt 61, wäre es ein ganz klares Ja zu Porta Westfalica. Ich habe in den 15 Jahren so viel dazu gelernt und mich hier so gut aufgehoben gefühlt.
Welche Aufgaben und Situationen hast du als besonders herausfordernd empfunden?
Da gibt es zwei Dinge, die ich permanent als Herausforderung empfunden habe. Das war immer dann, wenn Trauer ins Spiel kam. Ob das jetzt eine Familie war, die aktiv in der Gemeinde war, oder ein Mitglied, welches nur ein passives Kirchenmitglied war. Mit Trauer konnte ich immer schwer umgehen, und es hat mir sehr zugesetzt. Das hat mich gefordert.
Und die zweite große Herausforderung – aber da saßen wir Menschen alle im gleichen Boot – war die Pandemie. Sie hat in unser Kirchenleben eingegriffen, und wir mussten neue Wege im Gemeindeleben finden. Und da hatte ich das große Glück, dass wir hier in der Gemeinde auch sehr innovative Menschen haben, die schnell Vorschläge machten. Die Technik kam dazu, Video- und YouTube-Übertragungen wurden mitentwickelt. Das war eine ganz tolle Erfahrung, aber sehr anstrengend.
Was waren im Gegensatz dazu deine größten Highlights? Woran hattest du besonders viel Freude?
Freude in der Gemeinde und auch in der Kirche international. Da fiele mir einiges ein in diesen 15 Jahren. Grundsätzlich habe ich mich dann am meisten gefreut, wenn es einen Schritt nach vorne ging. Wenn alte Denkstrukturen alt geblieben sind, alte Zöpfe abfielen und ein neuer frischer Schritt nach vorne gemacht wurde, im Denken, im Christsein.
Besonders die Veränderung in 2019. Ich weiß es noch ganz genau: Wir waren im Urlaub und eine Freundin rief an und sagte: „Hast du schon ins Internet geguckt, es ist die Reform des Amtsverständnis veröffentlicht worden.“ Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass nun das für mich schon etwas „verstaubte“ Amtsverständnis neu gefasst wurde.
Beruf, Familie und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen, ist nicht immer einfach. Was ist deine Strategie für eine gelingende „Work-Life-Balance“?
Das ist ein Thema, das geht quer durch die Kirche. Das betrifft uns alle. Meinen ehemaliger Bezirksvorsteher Raimund Knoll zitiere ich sehr gerne an dieser Stelle: „Immer das Wichtigste zuerst.“ Das ist ein einfaches Rezept. Das kann alles sein. Der Beruf kann gerade im Moment das Wichtigste sein, oder die Familie, oder auch das Ehrenamt, die Gemeinde.
Ich persönlich habe nie eine Strategie verfolgt, in der ich alles dem Ehrenamt untergeordnet habe. Das habe ich nie gemacht, weil ich dann meiner Familie und meinem Leben nie gerecht geworden wäre. Und – das hätte mir keine gute Laune gemacht. Ich habe immer gesehen, dass ich genügend Freiraum in der Woche für mich eingeplant habe, um die Zufriedenheit zu erhalten. Wenn der eine oder andere sagt: "Du hast nicht genug gemacht", dann ist das aus seiner Sicht vielleicht gerechtfertigt, aber für mich war es gut so.
Ich habe auch regelmäßig versucht, im Jahr eine Auszeit zu nehmen. Zwei, drei oder manchmal auch vier Wochen. Da habe ich mich aus der Einteilung rausnehmen lassen, einfach mal um durchzuschnaufen. Und das kann ich nur jedem empfehlen. Ich habe dies auch offen in der Gemeinde kommuniziert. In dieser Zeit habe ich die Orgel in der Gemeinde gespielt und einfach nur die Gottesdienste genossen. Das hat unfassbar gutgetan.
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